Der rhythmische Organismus der Kirche (P. Nikolai Wolper)

                  

 

        G o t t     -     N a  t u r     -     M e n s c h

 

                     K    i    r    c    h    e

 

 

             Die Kirche ist ein doppelter Organismus mit dem Zentrum Jesus Christus:

 

             1.  die Gemeinschaft der zur Heiligkeit Berufenen (Personen)

             2.  die Schöpfungsgemeinschaft (Natur und Mensch)

 

Unser natürliches und kirchliches Leben ist gegliedert durch regelmäßige Zeitabschnitte (Rhythmen):

 

1.   Drei natürliche Gestirn-Rhythmen: 

                      Monat (1 Mondrunde um die Erde; 29,5 Tage)

                      Tag     (1 Erddrehung um die eigene Achse; 24 Stunden)

                      Jahr     (1 Erdrunde um die Sonne ; 365,26 Tage)

 

Da diese Rhythmen keine ganzzahligen Vielfache der Tage bilden und auch voneinander unabhängig sind, lassen sich keine langfristig stimmigen Kalender konstruieren (auch nicht mit den Schaltjahren alle vier Jahre). Der Kalender der russischen Kirche geht auf Julius Caesar zurück (Julianischer Kalender) und dient auch zur Ermittlung des orthodoxen Ostertermins. Der bürgerliche Kalender (dem auch die meisten Kirchen folgen) wurde von Papst Gregor XIII. 1582 eingeführt, um die immer größeren Abweichungen der Kalenderdaten (z.B. Frühlingsanfang am 20.3.) von den realen Gestirn-Verhältnissen zu korrigieren. Er liegt in diesem Jahrhundert 13 Tage dem älteren voraus.

Deshalb feiern die Russen z.B. Weihnachten (25.12.) am 7.1. des Gregorianischen Kalenders.

 

Jeder Tag hat in der Kirche eine besondere Bedeutung, die durch zwei Jahreskreise und den Wochenkreis festgelegt wird:

 

1.1.  Das Sonnenjahr (Julianischer Kalender) mit den unbeweglichen Festen (meist

      Heiligengedächtnisse  an deren „Todestag“; Namenstag der Getauften)

1.2.  Das Mondjahr zur Bestimmung des beweglichen Oster-Festkreises (Große Fastenzeit –

      Ostern – Pfingsten); der Ostertermin hängt vom ersten Vollmond nach dem

      Frühlingsanfang ab. Die Sonntage werden dann als „Sonntage nach Pfingsten“ gezählt.

 

      Das orthodoxe Kirchenjahr beginnt seit byzantinischer Zeit am 1. (14.) September.

 

2.        Zwei göttliche Wochen-Rhythmen: Die Zeit Gottes

 

2.1.  Der siebentägige Wochen-Zyklus folgt keinem natürlichen Rhythmus. Im Alten Testament ist er auf den Sabbat als Ruhetag zur Feier des Schöpfers hin orientiert

(Ex 20,10f.; Gen 2,2f.).

 

Weil die Menschen immer schon die Naturerscheinungen mit Angst und Schrecken (Gewitter, Erdbeben, Dürre,  Überschwemmungen), aber auch als Leben spendend (Licht, Wasser, Luft, Wärme) erfahren haben, verliehen sie ihnen eine religiöse Bedeutung.

In Rom wurden auf diese Weise die Gestirne als Gottheiten verehrt („Heidentum“) und zum Heil der Menschen den Wochentagen zugeordnet. Die Kirche erinnert uns stattdessen an jedem Tag der Woche an Christus und Seine Heiligen:

 

(Der kirchliche, „liturgische“, Tag beginnt wie im Judentum stets am Vorabend mit  der „Vesper“, dem Abendgottesdienst. Vgl. „Sonnabend“ und „Heiligabend“ als Vortage von Sonntag bzw. Weihnachten.)

 

 

 

 

        Heidentum: Vergöttlichung der Natur

 

Christentum: Heiligung von Personen

  Wochentag

  Planeten-Gottheit             Segens-Bedeutung

           Kirchliches Gedächtnis

    Sonntag

     Sonne (Sol)                           Reichsgott

            Auferstehung Christi

    Montag

    Mond (Luna)                        Wagenlenker

                       Engel

   Dienstag

   Mars (frz. Mardi)                 Krieg; Ackerbau

            Johannes der Täufer

   Mittwoch

Merkur (frz. Mercredi)                   Handel

            Gottesmutter Maria

 Donnerstag

          Jupiter                         Himmel/Wetter; Recht

Apostel; hl.Nikolaus (vertritt die Bischöfe) 

     Freitag

 Venus (frz. Vendredi)                     Liebe

             Kreuzigung Christi

    Samstag

 Saturn (engl. Saturday)           Ackerbau; Zeit

        Alle Heiligen; Verstorbene

 

 

2.2.  Der Acht-Wochen-Zyklus (Oktoich):

 

Mit Jesu Auferstehung „am 3. Tag“ begann nicht nur eine neue Woche nach dem Sabbat (der Grabesruhe  des Herrn), sondern für die Christen ein neues Zeitalter, ein neuer „Aion“. Deshalb vollendet der Sonntag die Woche, indem er die Zukunft (die Wiederkunft Christi) vergegenwärtigt.   Theologen nennen dies den eschatologischen „8.Tag“. (Die heute geläufige Rede vom „Wochenende“ ist irreführend, weil mit dem Sonntag die neue Woche beginnt.) Deshalb werden die Hochfeste acht Tage lang gefeiert („Fest-Oktav“), und die Gottesdienste des letzten Tages  wiederholen die liturgischen Texte des ersten. (Der hl. Thomas begegnet dem Auferstandenen „am achten Tag“;  Joh 20,26ff.)

Schon in der heidnischen Antike bedeutete die Zahl Acht die kosmische Vollkommenheit  und Harmonie. Nach Pythagoras   umgreift die Himmels-Sphäre die sieben Planeten-Sphären. Die Acht als Formprinzip der Vollendung erscheint im achteckigen Kirchenbau, besonders der Taufkapellen (Baptisterien), ist doch die Taufe die Wiedergeburt im neuen Aion  Christi. Heute noch tragen die Priester auf dem Rücken des Messgewandes einen achtzackigen Stern, so wie er auch oft den Einband des kostbaren Evangelien-Buches ziert.

 

Die „Oktave“ der Tonleiter spiegelt seit Pythagoras die „Sphären-Harmonie“ wieder, und in den altkirchlichen Systemen der liturgischen Melodien prägt dieser Rhythmus das gottesdienstliche Leben. Den acht Modi des gregorianischen Chorals entspricht im byzantinischen Ritus die Verwendung von acht „Tönen“ (Melodie-Typen), deren Zyklus am 1. Sonntag nach Ostern („Thomas-Sonntag“) beginnt. Der „Oktoich“ enthält für jeden Tag des Acht-Wochen-Zyklus die Texte, deren Inhalt die Bedeutung der Wochentage (s. Tab.) vergegenwärtigt. Auch für alle Festgesänge  zu den Feiertagen, Heiligengedächtnissen und allen sonstigen Anlässen wird jeweils einer dieser acht Töne festgelegt.

 

(Lit. Zu 2.2.: Konrad Onasch, Lexikon Liturgie und Kunst der Ostkirche; Berlin/München 1993)